Online Dating With

Anders verhält es sich hingegen mit Zwischentönen und Subtext, die in realen Gesprächen immer präsent sind. Tonfall und Stimmung sind im virtuellen Chat schwer zu deuten, auch Ironie funktioniert in schriftlicher Form eher selten und schon gar nicht, wenn man sein Gegenüber und dessen charakterlichen Eigenheiten nicht kennt.

Überhaupt sind Nachrichten eher kurz zu halten. Kein Mensch hat Lust, sich von einem Fremden Mails in epischer Länge durchzulesen. Explizit zu vermeiden ist sexistisches Vokabular. Die Botschaft könnte unter Umständen vom Community-Administrator kassiert und der eigene Zugang gesperrt werden. Der Einsatz von Emoticons und einschlägigen Netz-Akronymen sollte sparsam erfolgen, man könnte sonst leicht für infantil und uneloquent gehalten werden.

Jeweils ein Smiley und lol pro Nachricht sind völlig ausreichend. Auf den Zeitpunkt des Nachrichtenverschickens achten! Wer sich vormittags auf einschlägigen Seiten rumtreibt, könnte als arbeitsloser Schluffi gelten. Hinter nächtlichen Chat-Orgien ist unter Umständen ein verrückter Freak mit sexuellem Notstand zu vermuten. Darf ich bei meinem Singlebörsen-Profil schummeln?

Das ist keine Mogelei, sondern folgerichtig, denn so funktioniert das Geschäft — insbesondere! Charakterliche Schwächen nicht gleich im Steckbrief zu thematisieren dient dem eigenen Marktwert; bestimmte Lebensphasen auszuschmücken kann unter Auslegungstoleranz verbucht werden. Wer sich als Rockstar ausgibt, wird sich dafür irgendwann, wenn aus dem Online-Dating Realität wird, rechtfertigen müssen. In den USA lernen sich inzwischen bereits zwei Drittel der neuen Ehepaare im Internet kennen. Ebenso wichtig wie der Steckbrief ist auch das Profilbild für ein erfolgreiches Online-Dating.

Noch bevor sich ein User mit den persönlichen Details eines Menschen beschäftigt, entscheidet er aufgrund der Optik, ob dieser überhaupt für ihn in Frage kommt. Wer also glaubt, auf ein Foto verzichten zu können, reduziert seine Erfolgschancen drastisch — die berühmte Katze im Sack wird eben nicht gern gekauft. Dringend abzuraten ist die Verwendung fremder Fotos. Das Gesicht eines Freundes oder einer Freundin als das eigene auszugeben, mag zunächst Vorteile haben, wird einen aber spätestens beim ersten Date in Erklärungsnot bringen.

Denken Sie nicht mal daran, Angelina Jolie oder Brad Pitt als optische Aushilfe zu missbrauchen! Das ist unter Ihrer Würde. Welche Erfolgsaussichten hat Online-Dating? Mit eingängigen Werbesprüchen suggerieren die Singlebörsen entsprechender Internet-Angebote, dass nichts leichter sei, als einen Partner zu finden. Klingt, als müsse man sich nur schnell anmelden und einer glücklichen Zukunft stünde nichts mehr im Weg. Aber realistisch ist das nicht. Schätzungen der Singlebörsen zufolge liegt die Erfolgsquote bei der Partnersuche bei 30 bis 40 Prozent.

Paarbildung sei immer ein Kompromiss, sagte der Wissenschaftler im Interview mit Stiftung Warentest. Doch genau das Gegenteil wird oft vorgegeben. Zur Not auch unter Berufung auf die Wissenschaft. Per sogenanntem Matching wollen manche Portale Suchende zueinander führen, ein Schweizer Anbieter setzt sogar auf Genanalyse. Das alles kann man glauben. Bei letzterem ist zumindest die Enttäuschung geringer, wenn es mit der Liebe doch nicht klappt. Von meinem Leben — ich bin Ende Vierzig — ist ohnehin schon die Hälfte vorbei, das schraubt die Erwartungen einerseits runter, aber andererseits rauf.

Mir ist klar, dass ich keine Familie mehr gründen werde, das entspannt die Lage bei Sichtung der potenziellen Kandidaten. Es gibt nicht mehr den einen, der alles liefern muss. Greta Knaurhahn Ende 40, lebt schon länger in Berlin, als es dieses Internet gibt. Sie besitzt keine Katze, verabscheut Paulo Coelho und interessiert sich nicht für Sternzeichen. Hat sich aus Versehen aber auch schon mal mit ihrem Kollegen verabredet, weil in dieser Altersklasse alle ihre Fotos bis zur Unkenntlichkeit manipulieren.

Zwecks Chancenwahrung und Abschreckungsvermeidung verwendet sie hier ein Pseudonym. Zuhause angekommen, vibriert das Handy, neue Nachrichten. Der Sonntag galt lange als schlimmster Tag in der Woche eines Singles, mittlerweile ist es der beste Tag zum Onlinedaten. Wer jetzt mailt, bei dem ist die Verabredung vom Wochenende schiefgegangen, sonst würde er sich ja nicht schon wieder auf die Pirsch begeben.

Die Partnerwahl im Internet unterliegt einer klaren Dramaturgie: Anfang der Woche rafft man sich allseits zu einer neuen Suche auf, Mitte der Woche klärt man die Umstände der ersten Verabredung, welche dann freitags oder samstags stattfindet. Profis halten sich noch eine Sonntagabend-Option offen. Bei Nichtgefallen geht in der Woche darauf alles wieder von vorne los. Das muss man abkönnen, wenn man sich, wie ich, mithilfe lasziv verwuschelter Porträtfotos durch Datingportale fräst.

Eine meiner Freundinnen geht manchmal zu einer Thai-Massage, weil sie, wie sie sagt, überhaupt mal wieder angefasst werden möchte. Eine andere sagt, sie fühle sich momentan zu dick zum Daten und habe auch gerade keine vorteilhaften Fotos von sich parat. Noch eine andere sagt, wer etwas von ihr wolle, der müsse sich mal ein bisschen anstrengen.

So schwer will ich es mir und den anderen nicht machen. Und schlecht ist es für das Selbstbewusstsein auch nicht, wenn Kontaktaufnahmen mit Komplimenten beginnen: Manchmal kommt danach nicht mehr so viel, manchmal geht es auch richtig schief. Man verabredet sich mit einem Veganer und verteidigt schon nach einer halben Stunde wütend sein Grundrecht auf Salamipizza mit doppelt Käse, während das Pad Thai mit Räuchertofu auf dem Teller erkaltet.

Die hatte ich vermutlich nötig. Manchmal muss man sich Mut antrinken, um schnell wieder gehen zu können. Ich muss mich jetzt dringend noch ein bisschen hinlegen, damit ich abends nicht aussehe wie eine müde mittelalte Schachtel. Denn ich habe mein Wochenende straff durchgeplant:


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